482 Mentorinnen und Mentoren

wurden bis zum 31.05.2017 ausgebildet…

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MENTO-Podcast online

Die Bildungsarbeiter (Sok Yong Lee und Guido Brombach) haben den MENTO-Projektleiter Jens Nieth zum Thema "Funktionaler Analphabetismus" interviewt. 


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Handreichung

Unsere aktuelle Handreichung ist dieses Mal keine Broschüre, sondern eine Mappe, die mit zehn verschiedenen Einlegern zu Themen rund um das Projekt MENTO gefüllt wird. Die Einleger können bei uns bestellt werden, oder online angesehen werden.  


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04. Theorie in der Praxis - Ein Seminarbericht: Die Qualifizierung von Mentorinnen und Mentoren für Grundbildung und Alphabetisierung in der Arbeitswelt im DGB Bezirk Nord

06.05.2015

Vier Seminartage lang ließen sich im vergangen Jahr elf Kolleginnen und Kollegen zu Mentorinnen und Mentoren ausbilden. An drei Wochenenden im Juni und Juli trafen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Besenbinderhof in Hamburg zur offenen Qualifizierung, um gemeinsam unter der Leitung von Bildungsreferent Marcus Henk des DGB Bildungswerks BUND die einzelnen Module zu absolvieren.   

 04 Foto DGB Bezirk Nord

Foto: Mento 

Die Veranstaltung erreichte ein breites Spektrum von Personen aus unterschiedlichen Branchen und Berufsfeldern. Unter den Teilnehmenden fanden sich unter anderem Chemiewerker, Maschinen- und Anlagenführer, Verkäufer, Köche und kaufmännische Angestellte aus Unternehmen in der Region.

Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Berufsbiographien bestand der erste Arbeitsschritt der Gruppe im Erarbeiten einer gemeinsamen Vorstellung des Mentoring-Begriffs. Im Laufe des Tages zeichneten die Teilnehmenden das Bild einer Mentorin oder eines Mentors, in dem sich alle wiederfinden konnten. Die Idealvorstellung der Runde: Es ist eine Person, die sich mit ihren individuellen Charakterzügen in den Prozess einbringt, um Menschen mit Grundbildungsbedarf zu unterstützen. Zugleich kennt sie auch die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit.  


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„Die Kreativität, mit der funktionale Analphabeten sich tarnen, hat mich enorm beeindruckt und mir die Augen für akute Fälle in meinem direkten Umfeld geöffnet. Beeindruckt hat mich allerdings auch, dass im Bildungsland Deutschland eine derart große Zahl an Menschen ohne orthographische Grundkenntnisse von der Schule geht!“
Carmen Fernandez, Teilnehmerin    

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Der zweite Tag stand ganz im Zeichen der Zielgruppe des Projektes. Neben den zentralen Ergebnissen der leo.-Level-One Studie wurde auch der Begriff der Grundbildung im allgemeinen Sinne thematisiert, um die Konsequenzen entsprechender Grundbildungsbedarfe im Alltag und in der Arbeitswelt zu diskutieren. Den Beteiligten wurde schnell klar, welche Folgen sich aus diesem Bedarf für den Einzelnen ergeben und wie stark sie das Leben beeinflussen können. Außerdem sprachen die Teilnehmenden über die Schnittstellen des Themas Grundbildung zur anderen gewerkschaftlichen Themen wie zum Beispiel Arbeits- und Gesundheitsschutz. Ausreichende Lese- und Schreibkompetenzen seien die Basis, um die eigenen Rechte in Anspruch zu nehmen, fasste die Runde zusammen.

Um die Bedeutung des Zusammenhangs der hohen Anzahl funktionaler Analalphabeten und den steigenden Anforderungen unserer Gesellschaft zu verstehen, sprachen die Teilnehmenden über exemplarische Arbeitsprozesse im zeitlichen Wandel. Gemeinsam stellte die Gruppe besonders die zunehmende Technisierung und Automatisierung heraus. Auch die Digitalisierung in den unterschiedlichen Berufsfeldern der Runde wurde als markante Veränderung wahrgenommen. Die Unabdingbarkeit für lebenslanges und lebensbegleitendes Lernen lag für alle auf der Hand. Gemeinsam setzten sie die Gesprächsthemen in einen zusammenhängenden Kontext und skizzierten daran anknüpfend den Idealtypus einer Mentorin oder eines Mentors für Alphabetisierung und Grundbildung in der Arbeitswelt. Dieser Schritt bildete den Abschluss des ersten Moduls.

 

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„Es ist notwendig, sich für Menschen mit Grundbildungsbedarfen einzusetzen!“
Jens Bäßler, Teilnehmer
 

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Am folgenden Freitag trafen sich die Teilnehmenden zum dritten Seminartag im Besenbinderhof und starteten mit der Frage, wie Grundbildungsbedarf überhaupt erkannt werden kann. Wie die leo.- Level-One Studie gezeigt hat, ist ein Großteil funktionaler Analphabetinnen und Analphabeten erwerbstätig. Sie finden sich häufig in unbefristeten Anstellungsverhältnissen und arbeiten in Vollzeit. Betroffene sind also ganz normale Kolleginnen und Kollegen, die in ihrer Rolle in der Arbeitswelt funktionieren. Umso schwerer wird es natürlich sein, Unterstützungsbedarf zu erkennen. Die Betroffenen haben oft Strategien entwickelt, um im Berufsalltag zu bestehen. Das seien, so sagte Referent Marcus Henk, typische Handlungsweisen, aus denen sich Indizien für Grundbildungsbedarf ableiten lassen können. Dazu gehört zum Beispiel der Rückzug auf Ausreden wie: „Ich räum´ schon mal den Container aus, mach du mal den Papierkram!“ Mithilfe von Videoanalysen und Rollenspielen entwickelten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Gefühl für die entsprechenden Lebens- und Arbeitssituationen von funktionalen Analphabeten. Schnell wurde ihnen klar, dass Menschen mit geringen Lese- und Schreibkenntnissen an manchen Stellen an Grenzen stoßen, die sie ohne Unterstützung nicht überwinden können. Sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld müsse es deshalb oft Menschen geben, die von diesen Grundbildungsdefiziten wissen. Mit der Kegel-Methode stellte die Gruppe das soziale Umfeld einer funktionalen Analphabetin nach, um den Blick für die entsprechenden Beziehungen zu schärfen. Diese Perspektive machte deutlich, welchen Herausforderungen Menschen mit Grundbildungsbedarf täglich entgegentreten müssen und wie sensibel ihr Umfeld auf Veränderungen reagieren muss. Mit diesem Gedanken endete die inhaltliche Arbeit des Tages.

 

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„Ich habe die unterschiedlichen Erfahrungen und Kompetenzen, auch außerhalb von MENTO, aufgesogen. Der Austausch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus verschiedenen Berufsgruppen war klasse!“
Ute Fritz, Teilnehmerin
 

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Am letzten Tag der Mentorenqualifizierung war Uwe Boldt zu Gast. Uwe Boldt ist selbst Lernender – er hatte Probleme mit der Schriftsprache und hat sich als Erwachsener weiterqualifiziert. Er nahm sich Zeit, um auf die Fragen der Teilnehmenden einzugehen, die sich im Laufe der Qualifizierung ergeben hatten. Zuvor wurde aber nochmal das Thema des vorangegangen Seminartages aufgegriffen. Wie können eine Mentorin oder ein Mentor Teil des sozialen Umfelds eines Betroffen werden? Welche Risiken gehen damit einher? Die Runde wurde sich schnell darüber einig, dass eine Annäherung an Betroffene und ihr (mit-)wissendes Umfeld mit höchster Sensibilität zu erfolgen habe. In simulierten Gesprächssituationen konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausprobieren. Anschließend suchte die Gruppe gemeinsam nach Möglichkeiten, wie die Mentorinnen und Mentoren auf sich selbst aufmerksam machen können, um Anlaufstellen für Betroffene und das (mit-)wissende Umfeld zu werden. Neben den üblichen Mitteln wie betriebliche Aushänge, schwarze Bretter oder firmeninterne Newsletter nahmen die künftigen Mentorinnen und Mentoren auch die direkte Erreichbarkeit von Menschen mit Grundbildungsbedarf in den Blick. Besonders die Anregungen von Uwe Boldt, der selbst bereits als Botschafter für Alphabetisierung und Grundbildung ausgezeichnet wurde, brachte die Runde auf vielfältige Ideen. In der abschließenden offenen Runde, die es in jedem Seminar gibt, berichtete Uwe Boldt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus seinem reichen Erfahrungsschatz eines Lebens ohne Schrift. Er erklärte, wie und warum er sich auch als Erwachsener noch auf den Weg zur Schrift gemacht hat.

Die frisch ausgebildeten Mentorinnen und Mentoren nutzten die Gelegenheit, um über weitere Qualifizierungsmöglichkeiten zu sprechen. Im Anschluss an die Erstqualifizierung werden regelmäßige Reflexionstreffen stattfinden, in denen Erfahrungen ausgetauscht und die kommenden Aktivitäten geplant werden können. Zur inhaltlichen Vertiefung wird für alle Mentorinnen und Mentoren der Region ein Fachseminar: Alphabetisierung angeboten, in dem sich tiefergehend der Frage zugewandt wird, welche Möglichkeiten des Lesen- und Schreibenlernens den Mentees zur Verfügung stehen. Besonders engagierte Kolleginnen und Kollegen haben nach dem Besuch des Fachseminars die Möglichkeit an der Weiterbildung zur Lernberaterin bzw. zum Lernberater für Grundbildung und Alphabetisierung in der Arbeitswelt teilnehmen.

Der nächste Schritt für die elf Frauen und Männer aus dem Bezirk Nord bestand in der regionalen und überregionalen Vernetzung. Der Aufbau eines nachhaltigen Netzwerkes ist die zweite große Aufgabe des Projektes MENTO. Ziel der Neu-Qualifizierten soll es sein, gemeinsam und regelmäßig mit anderen Aktiven zusammenzukommen, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen.

Das nächste gemeinsame Treffen fand im vergangenen November statt. Auf Einladung der Regionalkoordinatorin Canan Yildirim trafen sich die Mentorinnen und Mentoren zum ersten Reflexionsworkshop, um eine Zwischenbilanz ihres Engagements zu ziehen und erreichte Ziele zu evaluieren.

 

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„Auch wenn die Schulzeit noch nicht lange her ist, können Lese- und Schreibschwächen zum Thema werden: Ein junger Auszubildender eines großen Betriebes hatte Schwächen im Umgang mit der Schriftsprache. Unser Mentor wurde darauf aufmerksam und konnte in angemessener Art und Weise auf den jungen Mann zugehen. Er legte ihm die Nutzung eines Online-Lernportals ans Herz. Außerdem bot er sich dem Nachwuchskollegen als vertrauensvoller Ansprechpartner in Problemsituationen an.“ 
Quelle: MENTO  
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„Eine Mitarbeiterin in der Dienstleistungsbranche wurde fristlos entlassen. Erst im Anschluss wurde festgestellt, dass unzureichende Lesefähigkeiten zu der vom Arbeitgeber geahndeten Situation führten und nicht ein absichtliches Fehlverhalten. Unser Mentor half der jungen Frau dabei, diesen Umstand aufzuklären und konnte mit ihr gemeinsam eine fristgerechte Kündigung mit bezahlter Übergangsphase erwirken. Bei allen notwendigen Schritten stand der Mentor der jungen Frau zur Seite.“
Quelle: MENTO   
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Dieser Beitrag wurde der Publikation "Auf Augenhöhe – Mentoring für Grundbildung und Alphabetisierung" entnommen.